17.04.2017

Patient glücklich entlassen // Gestatten: Narziss.
[Part V]



...und wie sie lasen, lasen sie nichts. Denn wider Erwarten passiert  in so einem Leben doch mehr, als man wahrhaben möchte, selbst wenn man alles Abwehrbare abwehrt. Aber mehr dazu vielleicht an späterer Stelle – jetzt möchte ich meiner Geschichte hier erstmal zur lange angekündigten, fröhlichen Wendung verhelfen.

Andre erzählt von 9 Wochen stationärer Psychotherapie und lädt sich zur besseren Strukturierung muntere Musikantinnen ein, heute wieder Balbina und als Stargast zur musikalischen Untermauerung meiner Kernerkenntnis Emeli Sandé – Teil 5.

An anderer Stelle finden sie: Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4.

Balbina singt: "Der Dadaist"

da da sind
dinge die ich
einfach finde-
die ich einfach gut finde
die mich faszinieren…
obwohl sie ständig ignoriert - werden
warum nicht
da da ist
was

Damit ging es los. Denn so einfach und banal, wie das für kopfgesunde Menschen klingen mag, ist das Benennen von Dingen, die man mag und die man gerne macht nicht, wenn man seine komplette Existenz für einen Fehler hält. Und sich selbst dafür gut zu finden, dass man bestimmte Dinge mag, unabhängig davon, was andere darüber denken und unabhängig davon, ob man seine Faszination rational erklären kann, ist dann schon für Fortgeschrittene.



Balbina singt: "Der Scheitel"

nirgends, bin ich so frei,
wie unter meinem scheitel.
und da bleib ich ein weilchen,
und da bleib ich ein weilchen!
ich stehe drüber, über dem über.
ich fühle nichts, das mich betrübt.
alles was mir grenzen setzt ist nicht echt,
ich grenz mich ab von dem schlechten.
mit jedem atmer werden fakten egaler.
das da um mich rum ist nicht real!
in meinem kopf lebt die realität,
ich kann es hinter den augen doch sehen!

Was wunderbar an meinen vorhergehenden Absatz anknüpft. Denn zunächst zu akzeptieren, dass das, was  in meinem Kopf stattfindet, meine Realität ist, die genau so, wie sie stattfindet, gut ist, und die vor niemandem gerechtfertigt werden muss, das war anstrengend, und es brauchte auch mehrere Anläufe, bis ich in der ein oder anderen Situation die Rechtfertigung meiner Gefühle auch mal weglassen konnte. Und wenn man dann erstmal an einem Punkt ist, an dem man seine eigene Realität und damit sein Selbst erkennen und lieb haben kann, macht es plötzlich auch Spaß, eine Weile unter dem eigenen Scheitel zu verweilen. Und dann macht das Setzen von Grenzen auch Sinn, denn wer sein eigenes Territorium auf einmal liebt, der möchte auch nicht, dass jeder Honk darauf rum trampelt.



Und genau so ging es mir, als mir in der siebten Therapiewoche an meinem vierten Wochenende zu Hause aus dem Nichts heraus die große Erkenntnis kam. Oder wenigstens das, was sich für mich unglaublich groß und befreiend angefühlt hat. Es gab Vorboten, denn ich hatte schon einige Tage zuvor plötzlich wieder angefangen, unglaublich viel aufzuschreiben. Und auch zu Hause kamen die Gedanken und Gefühle nur so gesprudelt und ich kam gar nicht hinterher mit aufschreiben – ich nehme an, dass das die große Erkenntnis war, die sich langsam ihren Weg bahnte. Und dann war Sonntag, und sonntags mussten wir immer Wochenbericht für unsere Therapeuten schreiben, in dem ich mich in Woche 7 mit der Frage "Wo ist der Kern???" auseinander setzen wollte. Meine Therapeutin hatte mich schon mehrfach darauf hingewiesen, dass ich immer sehr viel schreibe, und dass das sicher auch alles sehr relevant für mich ist, aber dass noch irgendein Element fehlt, dass alles verbindet. Und ich wusste nicht, welches das sein soll. Und schrieb dann auch genau diese Frage in Großbuchstaben in die Mitte meines Wochenberichts. Aber dann kam nach diversen Überlegungen über kaputten Selbstwert, über kaputte Gesellschaften und über ungesunde Kompensationsmuster auch das Thema Narzissmus immer wieder in meinen Kopf geschossen. Ich hatte genau zwei Erzfeinde in meiner stationären Therapie, und beide waren Narzissten vor dem Herrn. Oder Spiegelwichser. Oder wie auch immer sie einen Menschen bezeichnen möchten, der von sich selbst dermaßen überzeugt ist, dass er sich an sonnigen Tagen als der Messias fühlt, und an regnerischen Tagen die Schuld am Regen allen anderen gibt, nur nicht sich selbst. Und auch in Begegnungen mit anderen Patienten oder mit Personal haben mich solche Charakterzüge immer am meisten aufgeregt, und das in einer Art und Weise, die ich nicht erklären konnte. Spannenderweise kann man aber an den Dingen, die einen am meisten aufregen, oft auch am meisten über sich selbst lernen, denn die wenigsten Dinge regen einen ohne Grund auf, und auch nicht nur, weil sie halt einfach scheiße sind. Und dann, ganz plötzlich, fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: Der Grund, warum ich Hardcore-Narzissten jedes mal ohne Verhandlung unangespitzt in den Boden rammen könnte, wenn sie wieder raus hängen lassen, wie geil und allwissend sie doch sind, ist der, dass ich selbst ein geborener Narzisst bin. Und damit in den Spiegel schaue, wenn ich einem anderen Narzissten begegne, und dieses Spiegelbild einfach nicht ertrage (schöne Analogie auch, denn an den Tagen, an denen es mir am schlechtesten ging, konnte ich nie in den Spiegel schauen). Denn ich habe mir in den letzten 20 Jahren nicht erlaubt, mich geil zu finden. Ich weiß noch, dass ich in der Schule ein kleiner Klugscheißer war, der schon immer gern Rechtschreibung, Grammatik und Ausdruck korrigiert hat, was aber selten gut ankam, und auch an anderen Stellen wurde mir kommuniziert, dass ich mal schön die Bälle flach zu halten habe, und dann habe ich mir verboten, mich, meine Gedanken und meine Gefühle super zu finden. Woraus über die Jahre ein permanentes Zweifeln und Infragestellen sämtlicher Gedanken und Gefühle und damit die totale Selbstentwertung wurde. Und erst 20 Jahre später erkenne ich das und darf mich auf einmal wieder geil finden. Ich weiß nicht, ob meine Schilderung hier das auch nur halbwegs vermittelt, aber ich hatte den Rest meines Sonntags das Gefühl, die Erleuchtung gefunden zu haben.

Und auch, wenn da sicher viel Euphorie dabei war, denke ich trotzdem nach wie vor, dass das für mich die große Kern-Erkenntnis war. Neben einigen weiteren Kern-Erkenntnissen, die auch wichtig für meinen weiteren Lebensweg sind. Aber die Erkenntnis, dass ich mich selbst eigentlich ziemlich geil finde hat sich angefühlt, wie das eine, fehlende Element, das alle anderen Elemente zusammen führt und verbindet. Alles, worüber ich danach nachgedacht habe, hat vor diesem Hintergrund auf einmal Sinn gemacht. Gefühle, die ich vor dieser Erkenntnis noch hatte, waren nach der Erkenntnis auf einmal verschwunden oder haben sich gänzlich anders angefühlt. Ich habe meinen Herzschlag gespürt… es war… traumhaft schön.

Als sich die Euphorie dann wieder ein klein wenig gelegt hatte, habe ich auch noch lange darüber nachgedacht, wo diese Erkenntnis herkam. Welchen Gedanken ich richtig gedacht habe, welche Fragen ich mir richtig gestellt habe, welche Umgebungsfaktoren eventuell Einfluss darauf hatten, was ich zum Frühstück hatte. Aber so, wie auch schon 2009 und 2011, als es mir jeweils für einige Wochen außergewöhnlich gut ging und ich danach ewig gerätselt habe, was ich damals richtig gemacht habe, wird es auch diesmal gewesen sein: Es kam einfach aus mir heraus. Und zwar in dem Moment, in dem ich mich nicht mehr darüber geärgert habe, dass es nicht kam. In dem ich mich nicht mehr gezwungen gefühlt habe, etwas erkennen zu müssen. In dem ich mir erlaubt habe, einfach zu fühlen. In dem ich frei war.
Und es kann auch gut sein, dass "Narzissmus" jetzt nicht das richtige Wort ist. Denn genau wie ich 2009 und 2011 das Gefühl hatte, manisch zu sein, weil ich glücklich war, und dieses Gefühl für mich so ungewohnt war, dass ich dachte, dass das eine Manie sein muss, obwohl es einfach nur gute Laune war, kann es auch gut sein, dass ich nach vielen Jahren der Selbstzerfleischung plötzlich wieder Selbstbewusstsein empfinde, und das fühlt sich für mich dermaßen unnormal an, dass ich direkt der Meinung bin, das ist Narzissmus. Und tatsächlich fehlen zum "echten" Narzissmus noch einige Merkmale, denn ich freue mich zwar, wenn ich andere Menschen von meiner Meinung überzeugen kann, kann es aber auch akzeptieren, wenn sie lieber eine andere behalten wollen. Ich bin auch in der Lage, mir andere Meinungen anzuhören und mich gegebenenfalls auch von meiner Meinung abbringen zu lassen. Ich gestehe anderen Expertise zu in Feldern, in denen ich einfach keine Ahnung habe. Und ich bin jederzeit in der Lage, auch bei mir die (Mit-)Schuld zu suchen und sie dort, wo sie gegeben ist, offen einzugestehen. Aber nach Gesprächen mit diversen Therapeuten war der Konsens so ungefähr das, was mir die große Lichtgestalt von Haus 18, Frau SWS, bereits so in der Psychotherapeutischen Visite gesagt hatte: "Es gibt nicht den einen Narzissten, Herr Weise. Sie sind halt ein diplomatischer Narzisst." Und genau so wollte ich das hören: Lasst mir doch einfach mein Wort, wenn ich das gerade für mich beanspruchen möchte. Und traut mir zu, dass ich auch noch selbst drauf komme, wenn es das doch nicht ist. Ich habe das jetzt auch nirgendwo als Diagnose stehen, und es geht auch gar nicht darum, da jetzt eine narzisstische Persönlichkeitsstörung draus zu zaubern, aber aus der Position, dass ich mich selbst wieder geil finden darf, möchte ich gern versuchen, den Begriff des Narzissmus etwas positiver zu belegen. Gestatten, Narziss. Aber nicht Narziss, der Spiegelwichser, sondern sein lange verschollen geglaubter, lieber und rücksichtsvoller Zwillingsbruder. (Der den selben Namen trägt, weil die Eltern der beiden wenig kreativ waren. Schreiben sie erstmal selbst 'ne gute Headline.)

Und damit nach dieser scheinbar niemals enden wollenden Textpassage erstmal alle wieder kurz durchatmen können, begrüße ich jetzt unseren Stargast, die mir schon am Sonntag meiner Erkenntnis und seitdem immer mal wieder die Hymne meines neu entdeckten Selbstbewusstsein schmetterte, die eins zu eins zu meinen Empfindungen an diesem Sonntag passt (weswegen ich mich auch freuen würden, wenn sie dem Text lauschen oder ihn mitlesen würden).

Emeli Sandé singt: "Read all about it"



You've got the words to change a nation
But you're biting your tongue
You've spent a life time stuck in silence
Afraid you'll say something wrong
If no one ever hears it how we gonna learn your song?
So come on, come on.
Come on, come on.
You've got a heart as loud as lions
So why let your voice be tamed?
Maybe we're a little different
There's no need to be ashamed
You've got the light to fight the shadows
So stop hiding it away
Come on, come on

I wanna sing, I wanna shout
I wanna scream 'til the words dry out
So put it in all of the papers,
I'm not afraid
They can read all about it
Read all about it, oh.

At night we're waking up the neighbors
While we sing away the blues
Making sure that we're remembered, yeah
'Cause we all matter too
If the truth has been forbidden
Then we're breaking all the rules
So come on, come on
Come on, come on.
Let's get the TV and the radio
To play our tune again
It's 'bout time we got some airplay of our version of events
There's no need to be afraid
I will sing with you my friend
Come on, come on.

I wanna sing, I wanna shout
I wanna scream 'til the words dry out
So put it in all of the papers,
I'm not afraid
They can read all about it
Read all about it, oh.

Yeah, we're all wonderful, wonderful people
So when did we all get so fearful?
Now we're finally finding our voices
So take a chance, come help me sing this
Yeah, we're all wonderful, wonderful people
So when did we all get so fearful?
And now we're finally finding our voices
Just take a chance, come help me sing this

I wanna sing, I wanna shout
I wanna scream 'til the words dry out
So put it in all of the papers,
I'm not afraid
They can read all about it
Read all about it, oh.

...und seit ich es in mich selbst hinein und von da aus in alle Welt hinaus rufe (oder, wie meine Mutter es im Bezug auf mein Outing formulierte, seit ich mir "ein Schild umhänge"), flutscht das.

Balbina singt: "Der gute Tag"



ich wache auf auf dem bauch,
und der ist schon mal gut drauf!
auf der matratze,
ich tanze
mit den fingern chachacha.
der flur trägt mich raus aus dem haus
und ich tret erstmal nicht auf,
denn meine sohlen schweben
einen millimeter über der allee.
es läuft wie am schnürchen.
nichts geht schief.
ich renn durch offene türen.
denn denn denn denn denn denn.
der tag hat einen guten tag.
„guten tag guten tag tag!“
und ich mach das nach!
denn ich hab  keine wahl!
„guten tag guten tag!“
und ich mach das nach:
„guten tag!“
und der bus wartet auf mich bis ich lust hab,
nicht mehr zu trödeln,
denn ich höre den vögeln zu beim klönen.
die grauen zellen schließen ihre türen auf
und geben allen zweifeln ausgang.
sie brauchen auch mal frei,
weil sie so schlecht drauf waren.
[...]
und die mundwinkel sind im rechten winkel,
sind im rechten Winkel und winken
dem tristen zum abschied!
und tschüss!
dem tristen zum abschied!
und tschüss!
und der augenblick hat gute aussicht,
hat gute aussicht auch ohne brille!
hat gute aussichten!
und ich:
hab gute aussichten-
für mich!

Kennen sie das, wenn plötzlich alle Ampeln, an die man heran fährt, grün werden? Wenn man auf eine Menschenmenge zusteuert, von der man keinen Plan hat, wie man sie jemals durchdringen soll, und dann tut sich wie von allein eine Gasse von Lücken auf, durch die man ungebremst hindurch schnipst? Wenn man im Supermarkt das wichtigste vergisst, um zu Hause festzustellen, dass man noch genug davon da hat? Ich kenne das, vor allem vom Sommer 2009. Und damals hat das viele viele Glück mich in den Nervenzusammenbruch begleitet. Weswegen ich vor zu viel Glück auch schon wieder Angst bekomme. Aber selbst da hatte ich glückliches Unglück, denn direkt am Tag meiner stationären Entlassung bin ich direkt von meinem Fahrrad über eine Motorhaube abgestiegen und musste einer äußerst aufgebrachten Dame die Daten meiner Haftpflichtversicherung ansagen, nachdem sie sich (ich sie?) beruhigt hatte. Und als mir dann in der darauf folgenden Woche kein Auto vors Fahrrad fuhr, schob mir meine Therapeutin ein sinnbildliches Auto vors sinnbildliche Fahrrad, indem sie mich darüber informierte, dass meine Mutter schon zweimal im Haus 18 angerufen hat, um mal irgendeinen Verantwortlichen zu sprechen. Aber so, wie es in allen Bereichen nicht darum geht, nur das eine oder nur das andere zu haben/ machen/ sein, geht auch Glück nicht ohne Unglück und auch Freude nicht ohne Frust, und die Kunst besteht vielmehr darin, so in seiner Mitte zu ruhen, dass einen die Granateneinschläge links und rechts der Allee nicht aus der Bahn werfen. Und ich glaube, da bin ich gerade ziemlich nah dran.

Und auch, wenn ich noch so viel mehr zu erzählen hätte, ist ja an dieser Stelle auch nicht Schluss, und meine Themen laufen mir nicht davon. Ganz im Gegenteil – sie verfolgen mich. Und ich hoffe, das in Zukunft auch wieder öfter mit ihnen teilen zu können. Oder mit euch? Ja, ich glaube mit euch. Denn wer sich diese Geschichte bis zu Ende durchgelesen hat, der hat sich mein du verdient.

Und als ob sie meinen Freudenschrei in die Welt bereits vernommen (bzw. mein Schild gelesen) hätten, haben Balbina und MIA. gleich noch einen Liedbeitrag für meine Fahrt in die Sonne beigesteuert: "Alles Neu 2017".



Gesundes neues Leben!

*plöpp*

09.04.2017

Patient glücklich entlassen // Gestatten: Narziss.
[Part IV]



Das Familienthema könnte ich jetzt schon wieder weiter führen. Und überhaupt könnte ich schon einiges von dem, was ich in den letzten drei Beiträgen geschrieben habe, überarbeiten, weil immernoch jeden Tag neue Erkenntnisse hinzu kommen. Ich plane zum Beispiel, das Wort "müssen" komplett aus meinem Wortschatz zu verbannen. Irgendwann möchte ich aber auch lernen, die Dinge, die ich gesagt oder geschrieben habe, einfach stehen zu lassen, statt ewig an ihnen zu feilen. Die Essenz des Ganzen ist sowieso schon wieder in viel zu viel Text versteckt. Und mit ein bisschen Glück und ein bisschen Spucke gelingt mir zum Abschluss ein Resümee, das das Essentielle nochmal aus den Begleiterzählungen heraus löst. Da ist allerdings schon wieder der zwölfte Schritt vor‘m fünften gedacht – erstmal weiter im Text:

Balbina singt uns einen und André erzählt dazu von seiner Therapie: Teil 4.
Zum Nachlesen: Teil 1 | Teil 2 | Teil 3.

Balbina singt: "Der Schlafvertrag"

ein leben auf kissen,
gähnen ist das aufregendste, was ich erlebe.
ich zieh den vorhang zu vorm leben,
denn da wartet nur gähnende leere auf mich.
an meinen wimpern sind so schwere gewichte,
ich krieg die augen nicht auf auch wenn ich müsste.
ich bin umgeben von federn wie ein spatz,
fall ich vom dach ist jeder aufprall ganz sanft.
ich bin so müde vom liegen
ich bin so müde vom liegen
ich bin so müde vom liegen
ich bin so müde.
während andere leben, liege ich schnarchend daneben und drehe mich höchstens mal um.
ich bin seit ewigkeiten träge, deswegen ist meine lage gerade horizontal.
sogar meine matratze ist immer am ratzen
nichts kann mich wachhhalten.
jeder atemzug ist voll von schlafwagen, die mich tag für tag in den schlaf fahren.
der schlaf wohnt
in meinen laken.
wir sind so müde
vom schlafen.
er und ich wir haben einen vertrag:
wir vertragen den tag!

...was mich direkt  an Balbinas "Langsam langsamer" von ihrem Vorgänger-Album "Über das Grübeln" erinnert. Da  gibt es eine Zeile, die ich zu Hause ständig gesungen habe, bei der ich aber immer dachte, dass die auf mich eigentlich gar nicht zutrifft und dass ich die wahrscheinlich nur singe, weil ich die Tonfolge so schön finde: "Ich bin so müde vom Sprint durch die eigene Vita." Tonfolge am Arsch. Das war nämlich so mein Ding, vor allem zu Hause. Ich erinnere mich noch, dass ich 2009 wirklich unglaublich oft unglaublich viel geschlafen habe. Das war dann später nicht mehr ganz so extrem, denn wer ständig unter Strom steht, kann nicht einfach mal 12 Stunden schlafen, und wer permanent das Gefühl hat, sein Leben in der vorgegebenen Zeit nichtmal annähernd schaffen zu können, der steht auch auf, wenn er wach ist und legt sich tagsüber nicht einfach nochmal hin. Aber nachdem die chronische Unlust auf irgendetwas, was mit Leben zu tun hatte, merkte, dass sie sich nicht mehr in Schlaf flüchten kann, wurde sie schnell zu Lethargie und Apathie. Taubheit statt Müdigkeit; Aushalten in Prokrastination. Meine Vorhänge waren fast immer zugezogen, und die Serien, die stundenlang liefen, haben sämtliche Sinne fast genau so gut betäubt, wie Schlaf.



Balbina singt: "Das Kaputtgehen"

eimerweise weinen müsst ich,
um nach oben zu treiben.
deshalb bleibe
ich einfach bei mir.
ich versinke viel zu tief in jegliches Gefühl
ich fühle unkontrolliert sonst viel zu viel
deshalb mach ich dinge kaputt,
mach ich dinge kaputt.
man kann nichts verlieren,
was nicht da ist.
deshalb mach ich dinge kaputt,
mach ich dinge kaputt,
um mich rum liegen abfallberge und schutt.

Und so habe ich mich über viele Jahre daran gewöhnt, einfach nur abzustumpfen und jegliche Gefühlsregung abzutöten, selbst wenn das bedeutete, auch eventuell positive Gefühlsregungen möglichst schnell zu sabotieren, damit sich idealerweise gar nichts mehr regt. Und das war dann auch gemütlich so. In der Therapie durfte ich das allerdings nicht mehr. Und als meine Tränen dann plötzlich nicht mehr nur für die gequälten Tiere in den Reportagen im Frühstücksfernsehen sondern auch wieder für mich kamen, war ich anfänglich völlig überfordert mit meiner Angst davor, unkontrolliert in meinen Gefühlen zu zergehen, und hatte tatsächlich auch einen Tag, an dem ich nicht mehr aufhören konnte zu heulen, bis mich eine Mitpatientin durch geschickte Gesprächsführung wieder aus dem Tal gezogen hat. Ich weiß nicht, ob ich ohne fremde Hilfe jemals wieder aufgehört hätte. Und auch jetzt scheint das noch ein Problem zu sein, denn nachdem ich die negativen Emotionen in mir entdeckt und anerkannt habe, habe ich das Thema dann schnell wieder ad acta gelegt, versuche optimistisch in die Zukunft zu blicken und weine dafür wieder verstärkt, wenn es meinen Freunden im Haus 18 schlecht geht. Ich hätte mir viel zu wenig Zeit eingeräumt, um über alles, was mich traurig und wütend macht, traurig und wütend zu sein, deswegen geht das mit der Stellvertreter-Krücke gerade noch besser. Aber der Weg vom Verstehen und Erkennen eines bestimmten Verhaltensmusters überhaupt zum Erkennen lange und später kurz danach zum Erkennen währenddessen zum Erkennen schon davor ist ein langer und steiniger Weg, der sich hintenraus immer weiter ebnet, und wenn man am Anfang noch Krücken braucht, ist das vollkommen legitim. Zu kryptisch? Wer weiß, wovon ich rede, weiß, wovon ich rede...



Balbina singt: "Das Platzen"

wenn ich nichts sag,
dann bin ich in gefahr zu platzen,
wir müssen aufpassen!
wenn ich nichts sag,
dann bin ich in gefahr zu platzen!
wer sammelt die reste dann auf?!
wer sammelt die reste dann auf?!
das treibt mich in die weißglut,
weil die stirn glüht wie ein glühwürmchen mit fieber!
hör auf mich! aufzuregen!
ich bin sauer,
wie regen in industriegebieten.

Und wenn wir einmal bei negativen Emotionen sind: Neben der Traurigkeit als erste negative Emotion, die ich in mir neu kennenlernen durfte, die sich aber nach wie vor ein bisschen wie eine Schwäche denn wie eine Stärke anfühlt, gab es noch eine zweite Emotion, die schon von Beginn an und dann ab Woche 4 nochmal so richtig Zeit und Platz in Anspruch nahm, sich aber auch um so mächtiger anfühlte: Die Aggression. Ebenfalls als Kind gelernt, dass Wut und Aggression keinen Platz im Leben haben und man nicht aggressiv zu sein und die Türen zu schmeißen hat, weil sonst wieder das Schlechte-Gewissen-Programm gestartet wird, hatte ich mir auch diese Emotion schon lange abgewöhnt, und wenn ich sie dann mal empfunden habe, habe ich mir die Schuld daran gegeben und mich gefragt, wo mein Fehler liegt, dass mich dies und das gerade sauer macht. Meine Harmoniesucht war in diesem Zusammenhang nicht wirklich hilfreich, und so habe ich das  In-Mich-Heineinfressen und Auf-Mich-Beziehen von Wut über die Jahre perfektioniert, auch auf die Gefahr hin, ab und an völlig unproduktiv zu platzen, wofür ich dann aber wenigstens wieder sämtliche Schuld auf mich laden konnte. Dass aber die "Gefahr, zu platzen" nicht nur die Gefahr, zu explodieren sondern auch die Gefahr, zu implodieren beinhaltet, das wurde mir auch erst im Haus 18 bewusst. Meine dritte Diagnose, die nicht ganz so sexy klingt, wie die ersten beiden, ist die "Somatoforme autonome Funktionsstörung: Unteres Verdauungssystem", worunter sich jeder vorstellen darf, was er möchte. Diese Störung hatte ich über ein Jahr lang permanent und ohne Pause, keiner konnte sich erklären, woher es kommt und keine durchgeführte Untersuchung ergab irgendeinen Befund. Als dann aber im Haus 18 auf einen Schlag alles wieder gut war im unteren Verdauungssystem, bis dann an dem einen Tag, an dem ich beschlossen hatte, den Konflikt, den ich schon wieder seit einer Woche in mir gezüchtet hatte, endlich auf den Tisch zu bringen, plötzlich alles wieder ganz fürchterlich war, nur um abends, nachdem der Konflikt deutlich ausgesprochen war, direkt wieder gut zu sein, schien der psychosomatische Zusammenhang genau so offensichtlich zu sein, wie die Notwendigkeit, meine Aggressionen zu akzeptieren und zu kommunizieren, statt sie gegen mich zu richten, sie klein zu reden und sie weich zu spülen. Und als mich dann in der vierten Woche eine Mitpatientin als "ganz schön aggressiv" bezeichnete, nachdem ich einen weiteren Konflikt mit deutlichen Worten vor versammelter Menschschaft ausgetragen hatte, klang das für mich fast schon ein bisschen wie ein Kompliment.

Und auch, wenn ich jetzt nicht wie ein wütender, kleiner Wurzelgnom wirken möchte, der von nun an nur noch auf alles motzt, was ihm nicht passt, ist es auch eine meiner Therapieaufgaben, die Möglichkeit, dass dieser Eindruck entstehen könnte, auszuhalten. Denn ich ruhe in meiner Mitte, meine Aggressionen haben mich auf dem Weg dahin begleitet, authentische Diplomatie als Ziel ist mir gerade noch viel zu fern, und was der geneigte Leser jetzt darüber denkt, überlasse ich herzlich dem geneigten Leser.

Weswegen ich an dieser Stelle auch erstmal wieder gut einen Strich drunter machen kann, um mich in den kommenden Tagen voller Elan auf Teil 5 meiner Erzählungen über die Reise zum Glück zu stürzen. Wenn ich mich nicht gerade aufs Leben stürze.

*plöpp*

03.04.2017

Patient glücklich entlassen // Gestatten: Narziss.
[Part III]



André's Therapiemitschriften, "kurz" zusammengefasst: Teil 3.

Teil 1 lesen sie hier nach.
Teil 2 dann hier.

Balbina singt: "Der Haken"

januar das ganze jahr
so kühl nichts blüht,
knospen stürzen ab, landen in meiner hand,
ich frier in meinem mantel.
ich halt sie warm-
und warte ab.
vielleicht kann ich sie retten
und sie werfen wurzeln
aus in meinen händen.
bitte geht nicht ein!
ich mach euch in einen eierbecher mit wasser rein,
und warte ab bis mai.
um mich rum ist so viel zu machen-
ich muss alles schaffen.
ich geb mir aufgaben,
damit ich was auf habe.
ich mach gern haken
hinter die sachen.
ich mache haken.
weihnachtszeit, mein zimmer
überfüllt mit dingen.
stapel, die sich stapeln in regalen.
termine müssen warten,
ich sortier nähgarn gerad nach farben.
ich wähle von der dringlichkeit benebelt
und lass das gröbste erstmal so stehen,
für sich stehen.
um mich rum ist so viel zu machen-
ich muss alles schaffen.
ich geb mir aufgaben,
damit ich was auf habe.
ich mach gern haken
hinter die sachen.
ich mache haken.
meine prioritäten ergeben ein chaos,
weil der rest der Welt,
das echte leben auf pause stellt
und das auch noch verdrängt.
dann häng ich lieber hintendran,
ich komm nämlich auch dort an,
wo die ewigkeit beginnt,
mit sinnvollem.

Sehr wesentliche Erkenntis meines ersten Wochenendes zu Hause. Immer wieder haben mir verschiedene Therapeuten gesagt "Herr Weise, sie machen sehr viel!", und immer wieder habe ich erwidert, dass das gar nicht sein kann. Denn so lange ich mir den Luxus leisten kann, einen ganzen Tag nur in der Couch zu kleben und Serien zu schauen, weil ich mich zu nichts anderem aufraffen kann, kann es doch nicht sein, dass ich zu viel mache. Da geht doch noch mehr. Als mich dann aber an meinem ersten Wochenende zu Hause die Wohnung und alles, was sich darin befand, anschaute, ich mich schon wieder von den banalsten Verrichtungen völlig überfordert fühlte, letztendlich fast das komplette Wochenende mit dem Kopf auf der Tischplatte liegend verbrachte und am Sonntag keinen der vier Stichpunkte auf meiner Wunschliste für zu Hause abgearbeitet hatte, wurde mir plötzlich ziemlich deutlich, dass mein Leben und alles darin Befindliche tatsächlich völlig überladen ist. Was ich aber zum Anlass nahm, mein Leben zu entrümpeln - beginnend bei der Wohnung. In der es jetzt immer leerer wird. Und auch retten möchte ich inzwischen nicht mehr ausnahmslos jeden.



Balbina singt: "Der Trübsaal"

ich weine,
verzweifelt beim schneiden,
von zwiebeln zum frühstück,
denn der toast am morgen-
ist schon so schwarz wie der tag.
mein los ist so grundlos groß,
einfach so, ich will keinen Trost.
denn wenn es heiter ist
ist mir langweilig,
ich will leiden!
der seele gehts angenehm elend, ich wäre
traurig, wenn das vergeht
es gibt nur einen raum,
in dem ich auftau:
im trübsaal.

In meiner fünften Woche durfte ich dann endlich meine Familienskulptur bauen. Familienskulptur bedeutet, dass ich zunächst meiner Therapie-Kleingruppe (eine Hälfte der gesamten Stationsbelegung) und meiner Therapeutin meinen Familienstammbaum (inklusive guter Freunde und der Symptomatik in zeitlicher Einordnung) vorstelle, um dann die Teilnehmer dieser Runde als Skulptur aufzustellen, in der jeder eine wichtige Person oder Instanz in meinem Leben stellvertritt. Und eine relativ neue Erkenntnis für mich war, dass ich meine Symptomatik (Depression und Alkoholmissbrauch, dargestellt durch eine Person) als gute Freundin aufgestellt habe, über die möglichst auch niemand schlecht reden sollte. Eine wichtige Erkenntnis, zu der (zumindest im Haus 18 auf Station 2) jeder Patient kommen muss, um vorwärts zu kommen, ist die, dass unsere psychischen Störungen auch immer einen Zweck erfüllen und dass wir sie brauchen, mit ihnen etwas kompensieren und sie auch nur ungern weggeben möchten, wenn es nichts gibt, was diese Lücke dann füllen kann. Und ob da schon genug da ist, darüber war ich mir am Tag meiner Familienskulptur nicht mehr ganz sicher.

Familienskulptur bzw. Familienthema war aber zu dieser Zeit bzw. in der Woche davor sowieso ein schwieriges Thema, deswegen an dieser Stelle noch ein wenig Unterstützung für Balbina durch die fabelhafte Elif (Homepage | Wiki | YouTube | Vevo).

Elif singt: "Doppelleben" (Und liefert dazu auch das perfekt passende Video)



ihr habt mir mein leben doch geschenkt,
doch ein stück davon behaltet ihr.
merkt ihr nicht, dass uns're zeit verrinnt,
wir könnten so viel tiefer geh'n.
wollt ihr denn nicht hören,
was in meinem herzen klingt?
fangt mich auf - einfach nur auf.
und nehmt mich so wie ich bin.
[...]
ja ich bin und bleibe euer kind,
doch bei euch kann ich nicht mehr weinen.
ihr habts ja selber besser nicht gelernt,
sollte es bei uns nicht anders sein?
wollt ihr nicht verstehen,
sas ich in meinen liedern sing?
fangt mich auf - einfach nur auf.
und nehmt mich so wie ich bin.
[…]

Viele wollen es nicht wahrhaben, aber oftmals ist die Wurzel allen Übels tatsächlich eine Kindheit, in der die familiären Verhältnisse nicht so waren, wie sie für eine gesunde, kindliche Entwicklung hätten sein sollen. Und allein beim Schreiben dieses Satzes habe ich schon wieder ein schlechtes Gewissen, denn ich würde nie im Leben behaupten, eine schlechte Kindheit gehabt zu haben und erst Recht niemals behaupten, dass sich meine Eltern nicht die allergrößte Mühe gegeben haben, mir eine schöne Kindheit samt aller Möglichkeiten zu bieten. Aber auch meine Eltern hatten eine eigene Kindheit, sind irgendwie groß geworden und haben sich Verhaltensweisen angeeignet, die sie mir dann tagtäglich vorgelebt haben. Und wenn die eigene Mutter dazu erzogen wurde, niemals mit irgendetwas zufrieden sein zu dürfen, überall krampfhaft Probleme suchen zu müssen und negative Emotionen wie Trauer oder Wut in der Familie schon seit Generationen keinen Platz hatten, dann ist es ein fast unmachbarer Anspruch, dem eigenen Kind das Gegenteil beizubringen, wenn man das, was man seinem Kind beibringen möchte, nicht selbst leben kann. Aber selbst die Erziehung meiner Großelterngeneration war ja nie böse gemeint. Sondern gut. Auch so ein allwöchentlich wiederkehrendes Thema: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Und selbst, wenn etwas nur gut gemeint war, dann aber doch irgendwie nach hinten losging, muss man sich erlauben können, darauf wütend zu sein, unabhängig von irgendwelchen Absichten. Denn ich bin daran krachen gegangen, und mein eigenes Leid dann noch damit zu relativieren, dass ich die Ursachen entschuldige, das macht es nur noch schlimmer.

Bis zu dieser Stelle war der Erkenntnisprozess, besonders der bezüglich meiner kindlichen Entwicklung, zwar auch schon auslaugend und mit vielen Tränen verbunden, aber richtig weh tat es dann, als ich mir Hoffnung auf Verständnis gemacht hatte und nichts dergleichen bekam. Ich hatte mir ein Familiengespräch mit meiner Therapeutin und meiner Mutter gewünscht, alle waren einverstanden, und ich hatte die Hoffnung, dass in diesem Rahmen wieder eine Annäherung stattfinden kann. Nicht räumlich, zeitlich oder in der Frequenz, denn ich sehe meine Mutter fast jede Woche, aber emotional. Und dieses Gespräch ging so dermaßen gegen den Baum, dass ich danach kurzzeitig nicht mehr wusste, wo oben und wo unten ist. Nachdem ich 14 Tage vorher schon ein Gespräch mit meiner Mutter geführt hatte, in dem ich einige Themen, die ich mit ins Familiengespräch bringen wollte, schonmal ansprechen wollte und bei dem ich das Gefühl hatte, dass der ein oder andere Punkt auch angekommen war, ging unser therapeutisches Familiengespräch in eine Richtung, die ich irgendwie nie als Option erwogen hatte. Jeder meiner Punkte prallte ab; alles, was ich über unsere Familienkultur, unser Verhältnis oder wasauchimmer sagte, wurde direkt zurückgewiesen oder negiert, ich machte Schritte auf die Mitte zu und mein Gegenüber entfernte sich immer weiter von der Mitte… es war surreal. Aber auch passend zu einem weiteren bedeutenden Kindheits- und Jugend-Thema, das ich aber auch schon vor der Therapie auf dem Schirm hatte: Das In-Watte-Packen von klein André, das aber einher ging damit, dass klein André auch nie irgendetwas zugetraut wurde. Für mich wurde immer alles gemacht, ich hatte nie irgendwelche Aufgaben oder musste mich um irgendetwas selbst kümmern. Und ich weiß nicht, wie die prozentuale Verteilung der beiden Aspekte war, dass meine Familie mich verwöhnen wollte und dass meine Familie der festen Überzeugung war, es sowieso besser zu können. Aber genau das kam dann auch wieder im Familiengespräch durch: Nichtmal die Entwicklung einer eigenen Meinung wird mir zugetraut. Ob man es nicht auch übertreiben kann damit, alles zu analysieren, und ob man in der Therapie auch nicht viel eingeredet bekommen kann, fragte mich meine Mutter bei unserem ersten Treffen. Dass ich für mich selbst entscheiden kann, welche Thesen und Angebote für mich zutreffen, und welche nicht – undenkbar. Meine mütterliche Familienseite würde auch nie mit irgendeinem Wehwehchen zu mir, dem seit 5einhalb Jahren ausgelernten Krankenpfleger, kommen.

Und so fragte meine arme Therapeutin am Ende dieser Stunde, mit welchen Wünschen wir aus diesem Gespräch hinaus gehen. Mutti wollte gern "wenigstens auf die Basis zurück kommen, die wir vorher hatten", wo ich mich auch schon wieder gefragt habe, was sie an dem Ansatz, dass ich genau von dieser Basis weg wollte, nicht verstanden hat, und ich wollte in dem Moment einfach nur Abstand. Und dieses Thema zog sich dann auch noch über Tage und bis in die nächste TPG (Tiefenpsychologische Kleingruppe), und erst, als meine Therapeutin dann fragte "Herr Weise, hatten sie eigentlich jemals Abstand zu ihrer Mutter?" fiel mir auf, dass dem noch nie so war. Als ich bei ihr gewohnt habe, sind abends die Türen geflogen, es wurde lautstark geweint, und am nächsten Morgen haben wir wieder so getan, als wäre nichts gewesen. Und auch, nachdem ich ausgezogen war, haben wir uns nach jeder Streitigkeit schnell wieder vertragen, weil muss man ja als Familie. Muss man aber nicht. Damit habe ich inzwischen meinen Frieden. Von meiner Mutter kam sechs Tage später eine SMS, ob ich möchte, dass sie mich am nächsten Tag wieder besuchen kommt.

To be continued.

02.04.2017

Patient glücklich entlassen // Gestatten: Narziss.
[Part II]



Diesmal gibt es keine Pausen!
Wobei. Eins meiner Therapiethemen ist auch, bewusst Pausen zu schaffen.
Verdammt.
Aber ein weiteres Therapiethema ist für mich und alle anderen, niemals eins der beiden Extreme zu bedienen, egal, worum es geht, sondern stattdessen so oft es geht zu versuchen, den goldenen Mittelweg zu beschreiten. Und gerade entscheide ich mich bewusst gegen eine Pause ;)

Wer Teil 1 verpasst hat, zu dem geht's hier entlang, und ich schließe nahtlos an mit Teil 2 meiner Berichterstattung aus 7 Wochen stationärer Psychotherapie, musikalisch unterstützt durch Balbina mit ihrem neuen Album "Fragen über Fragen".

Balbina singt: "Unterm Strich"

ich pass nicht rein.
ich zwäng mich rein bis der knopf platzt
und mach was drüber dass es keiner ahnt.
ich bin hier falsch.
ich bin fehlbesetzt meine szene wird gestrichen,
ich hab mich bemüht.
doch will ich sein wie ein anderer?
will ich sein wie ein anderer?
und unterm strich bleib nur ich,
übrig.
und unterm strich bleib nur ich,
übrig.

Nach drei Wochen hat man im Haus 18 seinen so genannten Fokus - einen Zwischenbericht, in dem alle Therapeuten zunächst die komplette Anamnese des besprochenen Schützlings zu lesen bekommen und dann besprechen, wie sie den Schützling in den drei Wochen so wahrgenommen haben, was deutlich wurde und wie der weitere Therapieverlauf sich orientieren wird. Und während ich keinerlei neue Diagnosen oder aufregenden Fremdwörter präsentiert bekam, auf die ich so ein bisschen gehofft hatte, war die Liste psychischer "Symptome" und ihrer jeweiligen Ausprägung relativ lang. An erster Stelle stand "überangepasst (schwer ausgeprägt)". Und auch, wenn mir nach drei Wochen schon ein bisschen aufgefallen war, dass ich gerne anderen ihren Müll hinterher räume und gerne die undankbaren Dienste, die sonst keiner will, übernehme, fühlte sich das für mich trotzdem irgendwie noch selbstverständlich an. Aber als dann da "überangepasst (schwer ausgeprägt)" stand, kam ich mir in meiner Aufopferungsbereitschaft und in meinem krampfhaften Verlangen, es immer allen recht zu machen, ohne dabei jemals das Gefühl zu haben, dass mir das gelingt sowie meinem Gefühl, mir alles, selbst Sympathie, erst einmal verdienen zu müssen, schon ein bisschen dämlich vor. Was aber für den weiteren Therapieverlauf dringend nötig war.



Balbina singt: "Stille"

ich bin voll von nichts.
ich bin voll von nichts.
ich bin überfüllt mit nichts.
nichts ist an mir wichtig.
ich bin richtig nichtig.
ich bin unwichtiger als unwichtig.

Sowas kommt dann nämlich dabei raus, wenn man sein gesamtes Leben auf andere ausrichtet und dabei gar nicht bemerkt, wie man selbst nach und nach aus dem eigenen Leben verschwindet bis das Ich irgendwann überhaupt keinen Platz mehr darin einnimmt. Keine Gefühle, keine Wünsche, keine Bedürfnisse - das Ich macht einfach keinen Sinn mehr. So dass sich jeder Moment meines Lebens, der sich nicht auf andere Menschen ausrichten konnte, vollkommen sinnlos angefühlt hat und jeder Abend allein auf der Couch, den ich nicht mit Serien und Bier in den Griff bekommen konnte, in Verzweiflung endete. Meine Ängste in der Einsamkeit.



Balbina singt: "Die Regenwolke"

ich mache keine lieder über liebe!
das wird auch kein lied über liebe!
kein lied über das verlieben!
und auch nicht über tiefe gefühle!
ich lass das nicht in meine nähe
das hinterlässt nur regenwolken,
nur regenwolken.
das hinterlässt nur regenwolken,
über meinen wangenknochen!
ich ertrinke ertrinke.
ich will nicht drüber singen
ich ertrinke ertrinke
-ich will nicht drüber singen-
ich ertrinke, ertrinke,
wenn ich drüber singe.

Und wenn man in sich selbst so überhaupt keinen Sinn sieht, weil man sein Leben immer an anderen Menschen ausgerichtet hat, ist es natürlich das Naheliegendste, sich nichts sehnlicher zu wünschen als einen Partner, mit dem man sein gesamtes Leben teilen kann. Über die Frage meiner Therapeutin, warum ich denn alles Gute immer an der Präsenz einer Person festmachen muss, habe ich auch lange nachgedacht. Irgendwie schien es mir legitim, sich mit 31 nach so etwas wie Familie zu sehnen. Aber wenn man einen Partner zum Lebenszweck machen möchte (wie gewisse Mütter ihre Kinder), ist das eine Verantwortung, an der dieser Partner oder die Beziehung nur zerbrechen kann. Weswegen irgendwelche partnerschaftlichen Ambitionen in der Regel witzlos sind, so lange man sich nicht selbst der Liebste ist. (Was  mir inzwischen gelungen ist. Nur falls hier ein potenzieller Märchenprinz mitliest. Ich bin jetzt nicht mehr anstrengend. Ich schwör‘!)



Balbina singt: "Das Milchglas"

ich nehme viel
so gut auf wie eine weiße couch
und kriegs nicht raus.
ich sehne mich
nach einem filter, der schlimmes gut verdünnt.
ich klebe mir
tesa auf die brillengläser
und seh das leben wie monet.
ich weichzeichne all das
was mich begleitet.
radier die harten kontraste ganz weich.
ich schau mir den tag an,
wie durch milchglas.
ich erkenn das,
was ich sehen mag.
durch milchglas-
glasklar,
wie durch milchglas.

Denn wenn man versucht, einen solchen Anspruch dauerhaft aufrecht zu erhalten, tut man auch alles dafür, die Harmonie zu wahren, egal, zu welchem Preis. Harmoniesucht war ein weiteres meiner Probleme in der Therapie und im Leben. Und auch den einzigen Mann, der mich so geliebt hat, wie ich war, habe ich verloren, weil ich vor lauter Harmoniebedürfnis viel zu lange alles, was mich bedrückt hat, in mich hinein gefressen habe. Ewig habe ich mich nicht getraut, irgendwelche Fragen zu stellen oder irgendetwas anzusprechen, und die Krämpfe, die sich dadurch in mir gebildet haben, waren unerträglich. Und als dann unsere letzte Chance anbrach, hatten sich diese paranoiden Krämpfe der Ungewissheit, wie ich sie jetzt mal in Ermangelung einer schöneren Umschreibung bezeichne, schon dermaßen verselbstständigt, dass ich nur noch garstig war und er machen konnte, was er wollte, es war zu spät. Und genau so, wie es absolut selbstzerstörerisch ist, alles in sich hinein zu fressen, ist es auch kontraproduktiv, das, was dann vielleicht doch mal rechtzeitig raus kommen möchte, so weichzuspülen und zu diplomatisieren (wenn das ein Wort ist), dass es gar keine Wirkung mehr entfalten kann. Das habe ich besonders in der Konfliktkommunikation in der Therapie bemerkt. Um so deutlicher, um so besser fühlt es sich an.

So.
Und jetzt erstmal wieder Pause.
Ganz bewusst gesetzt.

Morgen gibt es nur drei Songs, aber ich komme trotzdem auf meine Zeichenzahl. Nur schonmal als kleine Vorwarnung.

*plöpp*