05.02.2017

Marc mag gewonnen haben...



...aber der wahre Sieger war, wie auch schon im letzten Jahr, wieder der Musik-affine Zuschauer mit den entsprechenden Möglichkeiten, kurz in den Hintergrund geworfene Liedkunst schnell zu erkennen bzw. erkennen zu lassen.

Eigentlich wollte ich gern einen Blogpost schreiben über Hanka Rackwitz und über den Mut, der dazu gehört, mit einer einerseits vernünftig therapierten aber andererseits heftig zementierten psychischen Störung in so ein Format zu gehen, nur um anhand diverser Kommentare seiner Mitmenschen aufzeigen zu können, womit jeder, der einen an der Klatsche hat, tagtäglich zu kämpfen hat (Stern TV Beitrag). Aber eigentlich wollte ich letzte Woche auch schon einen Blogpost schreiben über den großartigen Tatort "Schock" und darüber, wie unerwartet stark mich in letzter Zeit unsere kaputte und von falschen Idealen zerfressene Gesellschaft sowie mein persönliches Unvermögen, richtungsweisende Veränderungen in irgendeiner Form mit zu tragen, mitnimmt. Doch der innere Anspruch ließ weder den einen noch den anderen Post zu.

Stattdessen: Musik!
Und zwar ausschließlich aus Dschungelcamp raus-shazam'te Musik. Als kleine Hommage an jene lieben Menschen beim RTL, die intellektuelle Schöngeister, die das Dschungel-Format in erster Linie als Flucht aus der Realität nutzen, für's Einschalten mit großartiger Musik belohnen.

Aus der Kategorie "Nicht brandneu aber noch relativ frisch":



Bishop Briggs - "Wild Horses"
London Grammar - "Rooting for You"
Black Coast featuring M. Maggie - "Trndsttr" (Lucian Remix)
SOHN - "Conrad" (2017, Album "Rennen")
Mai Lan - "Haze"
The XX - "On Hold" (2017, Album "I See You")

...wobei mir "Performance" von The XX, das auch verwendet wurde, noch wesentlich besser gefällt, bei YouTube aber leider nicht zu hören ist. Bei Spotify schon.

Nicht in der Auswahl, weil kein Platz mehr war:
Nick Cave & The Bad Seeds - "Girl in Amber"

Aus der Kategorie "Songs, die schon das ein oder andere Jahr auf dem Buckel haben, die ich aber irgendwie verpasst habe":



Bedouin Soundclash - "Brutal Hearts" (Flic Flac Remix)
Ornette - "Crazy" (Nôze Remix)
Camille - "Home is where it hurts"
Pearl Jam - "Wasted (Reprise)"
Leonard Cohen - "You want it darker"
Sleeping at Last - "Every little thing she does is magic"
William Fitzsimmons - "Beacon"
The Slow Show - "Breaks today" (hier live auf dem Haldern Festival 2015)

Honorary Mentions:
Claire Denamur - "Scène finale" (2015, 'L'Hermine' OST)
She Will Have Her Way - "Four seasons in one day"
The White Birch - "Breathe"

...und dann gibt es natürlich auch immer wieder die Songs, die man zwar schon so und so oft gehört hat, an die man aber trotzdem immer wieder gern erinnert wird. Besonders angenehm direkt zu Beginn der aktuellen Dschungel-Staffel "Lost in Paradise" von Rihanna, das ich damals geliebt aber inzwischen schon wieder komplett vergessen hatte, und des weiteren auch noch:



Moderat - "Bad Kingdom"
Daughter - "Youth"
Bat For Lashes - "Sad Eyes"
Beyoncé featuring Andre 3000 - "Back to black" (2013, 'The Great Gatsby' OST, von dem auch "Love is Blindness" von Jack Black gespielt wurde)
Macy Gray - "Help me"
The National - "Fake Empire"
Tom Rosenthal - "Go Solo"
Zola Jesus - "Avalanche"

Außerdem dabei:
Santigold - "L.E.S. Artistes"
Annie Lennox - "I put a spell on you"
Skrillex featuring Sirah - "Bangarang"



Und das war sie auch schon wieder, meine kleine Musikauswahl. Also, eigentlich die vom RTL. Durch mich nur aufbereitet. Falls jemand bis hier hinten gekommen ist, zur Belohnung noch die guten Nachrichten: Nächsten Donnerstag beginnt ganz offiziell, was ich beim letzten Mal noch ohne Termin oder schriftliche Bestätigung verkündet hatte: Meine kleine aber feine, stationäre Psychotherapie. Und voller Stolz darf ich verkünden, dass ich alles, was bis zum Ende des aktuellen Semesters fertig sein musste, auch tatsächlich fertig bekommen habe, einen Monat vor Ende des Semesters. Ich darf mich bloß nicht zu sehr freuen, sonst schicken die mich am Donnerstag vielleicht wieder weg.

Gehabt's euch wohl, turn up the volume, bis bald &
*plöpp*

31.12.2016

2016 - Zum Abschied sag' ich leise scheiße.
Have a Happy New Year! Let's hope it's a good one without any fear.


Jedes Jahr das Gleiche. Und das nun schon seit zu vielen Jahren. Immer wieder sage ich, dass ich hier mehr schreiben möchte. Immer wieder sagen mir andere, dass ich hier mehr schreiben müsste. Und ich würde gerne. Aber was irgendwann mal als kleine Macke ohne großen Krankheitswert angefangen hat, hat sich in den letzten Jahren zu einer so starken Versagensangst entwickelt, dass mich inzwischen jedes noch so kleine Projekt, das mit irgendeiner Erwartungshaltung verbunden ist, so unter Druck setzt, dass mir schlecht wird, wenn ich nur daran denke. In der Zeit zwischen Studium und Arbeit immer freundlich zu lächeln und zu winken und diese elenden „Na, wie geht‘s?“-Fragen jedes Mal aufs Neue mit einem bemühten „Naja, muss ja, ne? Thihi.“ abtun zu müssen raubt mir die letzten Kraftreserven, und so vermeide ich alles, was ich vermeiden kann, und puff: Leeres Schreibheft.


Einen Jahresrückblick würde ich gern schreiben, irgendwie. Gut formuliert, gut strukturiert, mit ein bisschen Pepp, ein bisschen Humor, aber auch der nötigen Tiefe, nicht zu lang, nicht zu kurz, mit schönen Bildern. Wie viele Gläser Sekt und Zigaretten mir allein dieser Anspruch gestern schon abverlangt hat, ohne, dass auch nur eine Zeile geschrieben war, wollen sie gar nicht wissen. Und am Ende kommt trotzdem nichts rum dabei. Aber meine Beklemmungen, meine Schatten und meine Sprünge in der Schüssel werden nächstes Jahr noch oft genug Thema. Systematisch dann. Und hoffentlich auch verschriftlicht.


[Dringende Entertainment-Empfehlung #1: South Park, Staffel 20. Brandaktuell und auf den Punkt, wie immer]

Es war ja nicht alles schlecht 2016, aber doch so vieles, dass es sich beinahe zynisch anfühlt, am Ufer dieses postfaktisc[hen Sumpfes von Elend, Dummheit und Unglück, in dem auch mein persönliches Befinden nur trübe vor sich hin gart, noch nach Gänseblümchen zu suchen. Den kleinen Eddie hat mir 2016 genommen, im größten Gewaltverbrechen gegen die LGBT-Community verloren in Orlando 49 Menschen ihre Leben und ein paar Wochen später machte auch noch mein Peterle die Biege. All die prominenten Lichter aufzuzählen, die 2016 erloschen sind, würde hier den Rahmen sprengen und würde auch die Glorifizierung von Menschen in der Öffentlichkeit zu sehr unterstützen, aber trotzdem – um Miriam Pielhau, Roger Willemsen und David Bowie war es schon sehr schade. Und aus der persönlich-sentimentalen Perspektive auch um Chyna und Grandma Yetta (Ann Guilbert). Mal ganz abgesehen von der Weltpolitik, die ich an dieser Stelle aber gern mit einem verzweifelten (wenn auch noch nicht resignierten) Kopfschütteln kommentieren und im weiteren nicht besprechen möchte.


[Dringende Entertainment-Empfehlung #2: Lady Dynamite, Staffel 1. Besonders für all jene, denen die Psyche auch gern mal den ein oder anderen Streich spielt.]

Auch in Liebesdingen sah dieses Jahr ähnlich erfolgreich aus, wie die vergangenen Jahre. Der erste Herr, mit dem ich am 05. Januar ein Date gehabt hätte, hatte es vergessen, und hat sich danach auch nie wieder gemeldet. Weitere geknüpfte Kontakte führten zu keinen Dates. Bis dann der eine Junge kam, der unser erstes Date zwar auch erst vergessen hatte, der aber, nachdem ich ihn daran erinnert hatte, doch noch kam und sich dann als der ultimative Traummann herausstellte. Wie die Geschichte ausging, davon hatte ich an anderer Stelle bereits berichtet. Wer noch ein Update möchte: Es gibt nichts upzudaten. Nach wie vor kein Signal, und vielleicht lag es am Sekt, aber gestern habe ich mir nun sogar erneut die Blöße gegeben, ein letztes Mal nachzufragen, ob ich noch irgendeine Antwort zu erwarten habe. Ich habe eine Ahnung, wie die Reaktion auf diese Nachricht ausfallen wird.


[Familie und Freunde, unter anderem in den Adventure Rooms (1), im Gomersal Park Hotel (3) und am Hook Lighthouse (5)]

Aber, um nun endlich mal zum Silberstreif zu kommen: Ein Date hatte ich auch, das in ein zweites mündete und dann in die Mitteilung, dass es nicht „Click“ gemacht hat, aber dass wir uns gern auf freundschaftlicher Basis weiter sehen können. Wo der geneigte Leser sich jetzt fragt, warum ich diesen Griff ins Klo nach einem Absatz erzähle, wo er sich doch so vortrefflich in den Rest der Geschichte fügt. Aber aus irgendeinem Grund funktioniert das platonische Projekt, das ich mir bis dato in so einem Zusammenhang nie vorstellen konnte, ganz hervorragend. Und einen neuen, netten Menschen kennengelernt zu haben, vor dem ich sein kann, wie ich bin, diesen Verdienst kann bei weitem nicht jedes Jahr für sich in Anspruch nehmen. Abgesehen davon, dass ich gerade in meinem aktuellen Lebensstadium jede Freundin und jeden Freund noch mehr zu schätzen lerne, auf die zu Hause nicht Mann und Kind warten. Ohne damit jemandem zu Nahe treten zu wollen. Aber wer gern mal Schuhe mit mir tauschen möchte, der sei mein Gast. Und da, wo der junge Mann immer mal einen Teil seiner kostbaren Zeit für mich übrig hatte, da waren auch noch ganz viele andere Menschen, was mir immer noch einmal deutlicher wird, wenn ich am Ende des Jahres durch meinen Planer blättere. Ohne jetzt durchzuzählen, habe ich das Gefühl, in diesem Jahr mit wirklich vielen mir wohlgesonnene Menschen Zeit verbracht zu haben, und besonderer Dank geht raus an die, die den Kontakt zu mir pflegen, auch wenn meine Antworten wieder eine Woche auf sich warten lassen, die mich zu ihren Hochzeiten einladen oder die mich sogar mit in den Urlaub nehmen. Ihr seid meine Anker.


[Dringende Entertainment-Empfehlung #3: Westworld, Staffel 1. Für Fans philosophisch-utopischer Science Fiction.]

Doch trotzdem – am Ende des Tages komme ich doch wieder nach Hause, und keiner wartet auf mich. Nie allein, immer einsam. Ein weiteres Problem, das im kommenden Jahr Thema werden soll. Systematisch dann. Und hoffentlich auch verschriftlicht. Und damit wir, was das angeht, jetzt mal langsam aus dem Kryptischen ins Konkrete kommen: Nachdem ich mir schon seit der ersten Januar-Woche in die To-Do-Ecke meines Planers „Psychotherapeuten suchen“ geschrieben hatte, habe ich mir meinen kleinen, emotionalen Absturz im August zum Anlass genommen, das auch tatsächlich mal zu tun, war im Oktober zu einem Diagnostik-Tag in der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik der Uniklinik Dresden und der Plan sieht jetzt vor, dass ich dort ab Anfang Februar für 8 Wochen eine stationäre Therapie mache. Ich erzähle solche Dinge ja eigentlich ungern, so lange nicht alles in Sack und Tüten ist, und den konkreten Aufnahmetermin habe ich noch nicht, weil der frühestens zwei Wochen im Voraus vergeben wird, aber weil ich jetzt schon so oft mit Andeutungen gewunken habe, wollte ich auch mal eine konkrete Information folgen lassen. Wenn das aus irgendeinem Grund schief gehen sollte, habe ich immerhin gleich eine neue Anekdote für den Club der Anonymen vom Pech Verfolgten. So oder so, fest vorgenommen habe ich mir auf jeden Fall, von meinen Erlebnissen, Erfahrungen und Erkenntnissen zu berichten – genügend Zeit zum schreiben werde ich voraussichtlich haben. Und das Bier nehmen sie mir auch weg.

Bleibt das also spannend. Immerhin: Dadurch, dass 2017 so viele ungewisse Größen lauern, habe ich keinerlei Erwartungen an das Jahr und werde stattdessen live berichten. Das kann schonmal nicht schlecht sein.

Wer nichts erwartet, bekommt auf jeden Fall mehr.
Auf ein 2017, das am Ende vielleicht ein schöneres Resümee zulässt.
Bleibt fröhlich!

*plöpp*

10.11.2016

Perception is Reality.
Oder: Die gefährliche Methode des Donald T.

Whitelash Millennials vote for Clinton

Keine Ahnung, ob mich die diesjährige Wahl des US-Präsidenten so sehr umtreibt, weil ich mich als bekennender US-Reality-TV-Fan schon seit Jahren über Donald Trump in seiner Rolle des überheblich-eigensinnigen, verlogenen Überbosses in "The Celebrity Apprentice" aufrege, oder weil der diesjährige Wahlkampf tatsächlich so surreal war, dass sich mein sonst so gleichgültiger Geist angesichts dieser um Hilfe schreienden Mehrheitsblödheit doch mal regt, aber ich bin gerade sehr unkonzentriert und bekomme meine themenbezogenen Gefühle auch nicht wirklich sortiert.

Trotzdem möchte ich gern versuchen, von Anfang an aufzubegehren und haue ihnen deswegen hier und heute ein paar Beiträge um die Ohren, die mein überforderter Kopf gerade nicht mit schönen Übergängen verbunden bekommt, die deswegen aber nicht weniger relevant sind.

"Als hätten sich die Populisten das bei Roland Emmerich abgeguckt. [...] Fakten werden zur Verhandlungsmasse – Wahrheit wird ersetzt mit gefühlter Wahrheit." -
 
"Desh mit dem Klimawandel, desh ish gar net so." -

 
Perception is Reality.
 



Lehrstück 1: "Alternative für die Politik - Emotionen statt Fakten" (YouTube | Panorama Archiv | Artikel dazu), ein Beitrag des Magazins Panorama, der in meinen Augen relativ anschaulich und gut verständlich das Phänomen erklärt, das mich an den aktuellen Entwicklungen, in welchen President-elect Trump nur den vorläufigen Höhepunkt bildet, am meisten beunruhigt/ aufregt/ wütend-/ hilflos macht: Der immer stärker werdende, politische Trend, Stimmungen zu erzeugen - zur Not auch durch eine gezielte Auswahl der zweckdienlichen Wahrheiten - anstatt mit einer vollständigen Sammlung an Erfahrungen und Fakten in den Diskurs zu gehen in Kombination mit der Lethargie, der Bequemlichkeit und der Ignoranz des müden Otto Normalverbrauchers, die die Wirkkraft von Polemik und Demagogie überhaupt erst ermöglichen. Die Fachbezeichnung dafür, die ich zugegebenermaßen erst heute gelernt habe, ist die der "Postfaktischen Politik" - wer das nochmal näher erklärt haben möchte, folge dem Wikipedia-Link, oder lese sich hier bei meinem Freund Markus nochmal durch, worum es dabei geht, was das Versagen der etablierten Kräfte damit zu tun hat und warum uns dieses Thema auch in Deutschland dringend beschäftigen sollte:

"[...]
Wir haben viel zu lange geglaubt, dass es eine gute Idee ist den Menschen die Verantwortung für ihr Leben ihnen selbst zu überlassen. Denn die Leute wollen das gar nicht. Sie wollen einen, der sie führt, der ihnen sagt, was sie tun sollen, der ihnen auf die Finger haut, wenn sie Blödsinn machen. Die Leute wollen einen Kuschel-Wohlfahrtsstaat mit Rundum-Sorglos-Paket. Dass das nicht realisierbar ist, ist denen egal. Sie wollen auf jemand anderen zeigen sagen können: 'Du bist Schuld [...]'

Die Leute wollen, dass wieder Dampf im Kessel herrscht und der hin und wieder ordentlich pfeift. Doch das Feuer ist erloschen, weil alles inzwischen so beliebig und verständnisvoll geworden ist.
[...]"

Was mich auch gleich zu meinem nächsten Problem führt: Zu dieser elenden Diplomatie. Wobei ich politikwissenschaftlich nicht annähernd ausreichend beleckt wäre, um über Sinn und Unsinn von bzw. den richtigen und den falschen Zeitpunkt für Diplomatie zu urteilen. Aber offensichtlich ist doch, dass Diplomatie und Political Correctness niemanden mehr hinter dem Ofen hervor locken. Donald Trumps großer Trumpf ist, dass er sagt, was er denkt. Ohne Filter, und ohne auch nur einen Gedanken an eventuelle Konsequenzen zu verschwenden. Bei der Frage, welcher Kandidat glaubwürdiger ist, hätte ich ohne zu zögern ihn angekreuzt. Und so etwas zieht unglaublich heutzutage - da kann man dann auch mal das ein oder andere Mäuschen bei der pussy grabben, immerhin ist man damit wenigstens authentisch. Und wenn man das mal auf das persönliche Miteinander runterbricht, ist es doch wirklich oft so, dass soziale Beziehungen daran kranken, dass sich niemand traut, offen zu sagen, was er denkt aus Angst vor Konfrontation oder gestörten Kreisen. Ich bekenne mich da gern schuldig. Und dieses Verhalten ist stark kultiviert, aber nicht gesund. Weder im Kleinen, noch im Großen. Ich möchte mich nicht all zu sehr in diesem Gedanken verlieren, weil er noch lange nicht zu Ende gedacht ist, aber wer das kennt, weiß vielleicht, was ich meine, und kann die Parallelen zu den größeren Zusammenhängen mitdenken.

Und schließlich noch der obligatorische Vergleich zum dritten Reich, den zwar eigentlich schon seit Monaten keiner mehr hören kann, der halt aber leider immer wieder gebracht werden kann und auch gebracht werden muss, weil es so treffend ist. Und gerade all jenen, die den Wahlausgang heute mit einem relativierenden "Hört auf, euch aufzuregen, das ändert auch nichts am Ergebnis, und nun ist es halt so." verharmlosen wollen, möchte ich auch an dieser Stelle wieder einmal Martin Niemöller ins Gedächtnis rufen:

"Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen - ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen - ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen - ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte."

Regen wir uns auch nicht auf, wenn Trump seine Mauer hochzieht, weil es halt so ist? Regen wir uns auch nicht auf, wenn er anfängt, Menschen in Zügen zu deportieren, weil es halt so ist? Ich möchte auch gerne daran glauben, dass wir im 21. Jahrhundert in einer Zeit leben, in denen sich die deutschen Entwicklungen der 1930er Jahre nicht wiederholen können, aber gerade in einer Welt, in der die oben beschriebene Politik der Stimmungsmache immer stärker an Bedeutung und Einfluss gewinnt, kann man sich dessen niemals sicher sein; dass die Menschheit aus einmal gemachten Fehlern nicht zwangsläufig lernt, ist hinreichend bewiesen, und wenn wir in einer so wohl behüteten Gesellschaft leben, warum dann nicht den Mund aufmachen? Denn ich hege ernsthaft die Befürchtung, dass in gar nicht all zu ferner Zukunft die vernünftigen, besonnenen und weltoffenen Vertreter eines menschlichen Miteinanders der Kulturen nur noch eine kleine Splittergruppe bilden, die als Weiße Rose 2.0 aus dem Untergrund heraus kämpfen muss, weil die Dichter und Denker zu sehr mit Dichten und Denken beschäftigt waren während das Dummvolk sich vermehrt hat wie die Karnickel, und der verbleibende Verstand im Kollektiv geschluckt wird durch feiges Schweigen. Denn wenn man erstmal richtig kämpfen muss, erfordert das echte Courage. Und wer hat die schon.

In "An American Tragedy" erklärt ihnen auch David Remnick noch einmal mit Nachdruck, warum dieser Wahlausgang eine Katastrophe ist, warum Resignation aber auch keine Lösung sein kann, und ebenfalls im New Yorker macht Caleb Crain den "Case Against Democracy" - ein Artikel, für den man zwar ein paar Minuten braucht, den ich aber auch gern noch mit aufnehmen wollte, weil er sich mit der spannenden Frage befasst, die auch ich mir schon seit längerer Zeit stelle, ob denn die Demokratie wirklich das gesellschaftliche Non-Plus-Ultra ist, wenn die Mehrheit der demokratisch Stimmberechtigten sich weder informiert noch irgendetwas kritisch reflektiert.

Denken sie mal drüber nach. In der Zwischenzeit wünschen ihnen diese erlesenen Trump-Gratulanten hier noch eine fröhliche Reichspogromnacht an diesem denkwürdigen 09.11., der nun damit droht, den 11.09. abzulösen (dieses Datum hat einfach alle Symbolkraft, die es nur haben kann), und ich verbleibe derweile mit George Takei:

"Within our hearts we know the society we wish to live in. No one can take that vision from us. We are each of us keepers of that promise. This country has seen wars and grave injustices, slavery and even civil war in its past. Yet we found our way through.

Hold your loved ones close. Tell them that it is in times of sadness and in the toughest of days where we often find our true mettle."

Regt euch auf!
Unity in Diversity!
*plöpp*

31.10.2016

Du brauchst nur ein bisschen Leichtsinn...


Ich habe da ja so ein bisschen einen Sprung in der Schüssel, und bevor der so lange größer wird, bis die Schüssel irgendwann komplett zerspringt, lasse ich mir ab Februar von einem multiprofessionellen Team qualifizierter Schüsselexperten mal etwas intensiver helfen - aber davon erzähle ich dann mehr, wenn es so weit ist. In der Zwischenzeit wird mich das Schüsselthema aber wahrscheinlich noch ein bisschen stärker verfolgen, denn zum einen sind einige der schonmal geklebten Scherben durch die Geschehnisse der letzten Wochen wieder aus der Schüssel gebrochen, und zum anderen macht man sich natürlich auch viele Gedanken, wenn man sich einmal dazu durchgerungen hat, sich doch mal in die Klinik für kaputte Schüsseln einweisen zu lassen. Und dann freut man sich, wenn man dem Thema auch in der Populärkultur begegnet und feststellt, dass hier und da am Stigma gerüttelt wird. Mein allerliebstes Beispiel ist zwar aktuell die Netflix-Serie "Lady Dynamite", die es schon seit Mai gibt, die ich aber jetzt erst begonnen habe, zu schauen, nachdem ich mich erinnerte, dass Jochen Schropp die mal empfohlen hatte, aber zu dieser Serie muss ich mal einen eigenen Post machen. Wahrscheinlich werden das meine 826 liebsten Screenshots, wenn ich alle Folgen durch habe. Damit ihnen bis dahin aber nicht langweilig wird, an dieser Stelle erstmal das, was bei Facebook immer keine Sau interessiert: Musik! Yay!



Da hätten wir zum einen Tim Bendzko (YouTube Channel), der in den gut sortierten Musikbibliotheken des Landes aktuell mit seinem neuen Album "Immer Noch Mensch" vertreten ist. Das ich mir angehört habe, und bei dem ich mich wieder sehr darüber geärgert habe, dass ein so unfassbar schöner Mann so schöne Texte schreibt, nur um die dann alle in diesen elenden Vier-Viertel-Takt zu pressen und damit kaputt zu machen. Oder vielleicht ist es auch kein Vier-Viertel-Takt, ich weiß leider immernoch nicht, wie das heißt, was für mich jeden Song kaputt macht, aber wissen sie, was ich meine? Diesen Rhythmus, bei dem man vor seinem geistigen Auge alte Leute im Fernsehgarten munter auf 1, 2, 3 und 4 mitklatschen sieht? Naja, egal, auf jeden Fall haben wir bei Dreamboat Bendzko das große Glück, dass er seine Songs auch gern mal ohne alles außer mit Piano-Begleitung einsingt, und dann sind die nämlich grandios. So wie im hier zur Verfügung gestellten Beispiel "Leichtsinn" vom bereits erwähnten, aktuellen Album.

Tim singt:

"Du stellst alles in Frage
obwohl du so für deine Sache brennst,
hast schon so vieles geleistet,
auch wenn es niemand richtig anerkennt.

Auf deinem Weg liegen Steine
die dich und deine Zukunft trennen.
Wem willst du was beweisen?
Spring einfach drüber hinweg.

Du kannst das Leben leicht nehmen,
auch wenn es das nicht ist
-
brauchst nur ein bisschen Leichtsinn
und du kannst sein, wer du willst.

Lass dich nicht täuschen,
denn nichts ist das, wofür du es hältst.
Was du jetzt bräuchtest
ist 'n bisschen Fantasie und der Schleier fällt.

Die Last auf deinen Schultern
ist Gepäck, das du hier nicht brauchst.
Wenn niemand dir beim Tragen hilft
pack die Steine einfach wieder aus.

Du kannst das Leben leicht nehmen,
auch wenn es das nicht ist -
brauchst nur ein bisschen Leichtsinn
und du kannst sein, wer du willst.

Egal, ob du dich klein fühlst,
wenn du allein bist,
wenn dir irgendwas fehlt,
wenn nichts die Lücke füllt -
brauchst 'n bisschen Leichtsinn
und du kannst sein, wer du willst.

[...]"

...und wie der wache Leser vielleicht schon bemerkt hat: Ein paar Zeilen habe ich hervorgehoben. Denn neben der Tatsache, dass Tim Bendzko von einer Person singt, die in ihrem Leben an Zweifeln strauchelt, was für die Öffentlichkeit des Themas schön ist (und ja, ich habe geweint beim ersten Hören), zeigen die hervorgehobenen Zeilen, was so ein bisschen symptomatisch für all diese Songs ist: Man erkennt das Problem, aber man versteht es nicht. Spring einfach über die Hürden, nimm das Leben leicht, pack' die Steine einfach wieder aus - das sind die Floskeln, aus denen die Albträume eines jeden Betroffenen sind, der endlich mal ernst genommen werden möchte.



Noch anmaßender finde ich allerdings Mark Forster in seiner aktuellen Single "Chöre", die gleichzeitig auch Titelsong des Kinofilms "Willkommen bei den Hartmanns" ist, wenn er singt:

"Warum machst du dir 'nen Kopf,
wovor hast du Schiss,
was gibt's da zu grübeln,
was hast du gegen dich?
Ich versteh' dich nicht.

Immer siehst du schwarz
und bremst dich damit aus,
nichts ist gut genug,
du haust dich selber raus.
Wann hörst du damit auf?

[...]

Hör auf dich zu wehren,
das macht doch keinen Sinn,
du hast da noch Konfetti
in der Falte auf der Stirn.
Warum willst du nicht kapieren.

[...]"

I mean...
Jemandem seine eigene Gefühlswelt noch zum Vorwurf zu machen und als Lösung vorzuschlagen, sich einfach mal zusammenzureißen, das ist als Kardinalfehler im Umgang mit gesprungenen Schüsseln eigentlich so weitläufig bekannt, dass inzwischen sogar meine Großeltern wissen, dass sie damit nicht weiter kommen.

Der Weg zu einem echten Verständnis für tiefgreifende, psychische Beeinträchtigungen, mit denen man nicht "einfach mal aufhören" kann, ist also noch ein langer, und ich fürchte auch, dass die Lieder, die das dann begriffen haben, noch ein bisschen auf sich warten lassen.

Aber damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich wollte diese zwei Songs gern mit ihnen teilen, weil ich sie toll finde. Denn auch wenn die Texte an manchen Stellen vielleicht nicht meine ungeteilte Zustimmung finden: Die Musik in diesen schön gemachten Songs hat einen großen Anteil daran, dass ich auch nach wie vor von einem Tag zum nächsten komme. Und um keinen Preis möchte ich diese Wirkung auf mein Seelenheil missen.

Und weil wir uns gerade daran erinnert haben, wie wunderschön Tim Bendzko ist und wie sehr wir seine Lieder mögen, wenn sie nur am Piano begleitet werden, hier als Bonustrack zum Blogpost nochmal "Ich laufe" in der Pianoversion, einfach so, weil es schön ist, und weil man es so hervorragend laut mitsingen kann:



*plöpp*